Fahrende Götter

Die ungeheure Bedeutung, die der Wagen für Menschen aus den früheren Kulturen besaß, lässt sich besonders in ihren Vorstellungen darüber ablesen, wie sich ihre Götter fortbewegten – eben vielfach mit dem Wagen.

Der griechische Sonnengott Helios unternahm seine tägliche Fahrt über den Himmel von Ost nach West in einem goldenen Wagen, der von vier Feuer speienden Flügelrössern gezogen wurde. Victoria, die römische Siegesgöttin, eilte manchmal in der Quadriga, manchmal aber auch im Zweigespann übers Firmament. Ebenfalls mit zwei PS zog die römische Mondgöttin Luna ihre Himmelsbahn. Und auch Zeus, der mächtigste aller griechischen Götter, sowie der römische Göttervater Jupiter ließen sich gelegentlich in einem Vierergespann am Himmel blicken. Der von Geburt an lahme Hephaistos, griechischer Gott des Feuers und der Schmiedekunst und gehörnter Ehemann der Aphrodite, Göttin der Liebe und Schönheit, konstruierte dreirädrige Vehikel, die sich aus eigener Kraft fortbewegen konnten und nur dem Willen der Götter ergeben waren. Der Wagen von Sonnengott Helios entstammte auch seiner göttlichen Schmiede. Hephaistos selbst ist auf einem Flügelwagen abgebildet, an den keine Zugtiere gespannt sind.

Helios hatte übrigens einen Sohn, namens Phaethon. Dieser hatte seinen Vater dazu überreden können, ihm seinen prunkvollen Wagen für eine Ausfahrt zu leihen. Die Fahrt des Phaethon endete in eine irdische Katastrophe größten Ausmaßes, als er die Kontrolle über den Vierergespann verlor und von der gewohnten Strecke seines Vaters zwischen Himmel und Erde abkam. Die Folge dieses Ausflugs war eine gewaltige Feuersbrunst, der sogar ganze Städte zum Opfer fielen. Schließlich setzte Zeus der Katastrophe ein Ende und holte den Phaethon mit einem Blitz vom Himmel. Der Wagen war zerstört, und Phaethon lag tot in einem Fluss.

Auf einem Wagen ohne Zugtiere erscheint auch Gott dem Propheten Hesekiel, wie es im alten Testament heißt, geleitet von geflügelten Engeln mit menschlichem Antlitz. »Die Gottheiten aller Religionen erscheinen schon immer automobil«, bekräftigt der Historiker Jörg Jochen Berns, »Sie reiten und fahren nicht wie Menschen, sie treten nicht auf und ab wie Menschen, sondern sie erscheinen. Das Erscheinen der Gottheit ist die höchste Form der Automobilität.«

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Bild: Hardy Holte; Apollo-Brunnen in Versailles


Berns, J.J. (1996). Die Herkunft des Automobils aus Himmelstrionfo und Höllen-maschine. Berlin: Klaus Wagenbach Verlag.

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