Königinnen der Lüfte

Eine Geschichte über die Mobilität der Frauen wiese eklatante Lücken auf, würden nicht einige jener schillernden Erscheinungen aus den dreißiger Jahren erwähnt, die in ihren fliegenden Kisten für unglaubliche Furore sorgten, wie zum Beispiel Amelia Earhart, Beryl Markham, Amy Johnson, Louise Thaden, Jacqueline Cochran oder Elly Beinhorn.

Amy_Johnson_portrait

Amy Johnson (copyright: British Government employee [Pubic domain], via Wikimedia Commons)

Fünf Jahre nachdem Charles Lindbergh im Alleinflug den Atlantik bezwungen hatte, gelang 1932 der ersten Frau dieses Husarenstück. Es war die aus Kansas stammende Amelia Earhart, eine ehrgeizige Pionierin der Luftfahrt, die zur Legende wurde. Auf ihrem Flug um die Welt 1937 verschwand sie – nur noch wenige tausend Kilometer von ihrem Ziel entfernt – unauffindbar und aus unerklärlichen Gründen in den Weiten des Südpazifiks. Die spektakulären Reisen und ihr tragisches Ende machten die burschikose Amelia, die als Teenager zum Verdruss ihrer Nachbarn lieber gerne Pumphosen als feine Kleider trug, zur Nationalheldin, über die zahlreiche Bücher verfasst wurden. Für ihren Alleinflug über den Atlantik von West nach Ost erhielt sie unter anderem das Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion.

Die in England geborene Beryl Markham verlor ihr Herz an die Fliegerei in Kenia, wo sie auch zeitweise mit dem Großwildjäger Denys Finch Hatton verkehrt hatte. Kurz nachdem sie mit den Flugstunden begonnen hatte, verunglückte Finch Hattan bei einem Flugzeugabsturz tödlich, ein Ereignis, das von der Schriftstellerin Tania Blixen in »Jenseits von Afrika« literarisch festgehalten wurde. Beryl Markham, der man übrigens eine gewisse Ähnlichkeit mit der unvergessenen Greta Garbo nachsagte, machte danach ihren Pilotenschein und transportierte als Buschpilotin Personen, Güter und die Post. Später wagte sie alleine eine Ost-West Überquerung des Atlantiks, die wegen des vorherrschenden Gegenwindes eine besondere Herausforderung darstellte. Eine eingefrorene Benzinleitung bereitete ihrem Traum, mit der einmotorigen »Vega Gull« New York zu erreichen, ein jähes Ende. Sie baute Bruch in einem nordamerikanischen Torfmoor, blieb aber glücklicherweise unversehrt.

Auch die wohl berühmteste englische Pilotin, Amy Johnson, zeigte der Welt auf eindrucksvolle Weise, dass Frauen in Sachen Fliegen den Männern mit Leichtigkeit das Wasser reichen können. Sie war die erste Frau, die alleine von England nach Australien flog und dabei mit einer Reisezeit von 16 Tagen den bestehenden Rekord von Bert Hinkler unterbot. Amy Johnson stellte außerdem einen Rekord von England nach Japan und von England nach Kapstadt auf. Mit ihrem Gatten flog sie nonstop in die USA und nach Indien. Auf einem Routineflug stürzte sie in die Themsemündung und ertrank. Ihr Leichnam wurde niemals gefunden.

Große Popularität im Luft-Circuit erlangte die aus Arkansas stammende Louise Thaden. Zusammen mit ihrer Copilotin Blanche Noyes gewann sie 1936 als erste Frau das »Bendix Trophy Race«, ein Flugrennen mit hohem Prestigewert. Die Männerwelt war schockiert; denn gleich im ersten Jahr, da Frauen teilnahmeberechtigt waren, wurde ein altes Vorurteil radikal aus dem Weg geräumt, dass Frauen im Luftrennen gegen das starke Geschlecht keine Chance hätten. Louise Thaden: »In einer Zeit, in der einige Männer meinten, eine Frau sollte keinen Buggy (Pferdewagen) fahren, und noch weniger ein Automobil, war es eine Aufgabe zu beweisen, dass Frauen fliegen können.«

Eine Ironie des Schicksals ist es, dass der Emanzipation der Frau gerade zu Kriegszeiten Vorschub geleistet wurde. Im Kampf um Sieg oder Niederlage, Überleben oder Untergang war es – zumindest vorübergehend – sehr leicht gewesen, mit Konventionen und traditionellen Rollen zu brechen und der Frau ein bislang ungewöhnliches Maß an Mobilität einzuräumen. Die Pilotinnen im zweiten Weltkrieg gaben dafür ein gutes Beispiel ab. Amerikanische Fliegerinnen unterstützten ihre männlichen Kollegen durch Transport- oder Testflüge, arbeiteten als Flugkontrolleurinnen oder Mechanikerinnen, flogen aber keine Kampfeinsätze. Am Aufbau einer weiblichen Pilotentruppe maßgeblich beteiligt war die in Florida geborene Jacqueline Cochran, eine der herausragenden Fliegerinnen der Zeit mit zahlreichen Rekorden und Auszeichnungen. Sie errang ebenfalls die begehrte »Bendix Trophy« und durchbrach als erste Frau Anfang der fünfziger Jahre die Schallmauer. Als deutsche Pilotin ist vor allem Flugkapitän Hanna Reitsch bekannt geworden. Sie war die erste Test- und Hubschrauberpilotin der Welt. Kampfeinsätze hatte sie nicht geflogen. Sie gehört zu den letzten Menschen, die Hitler im »Führerbunker« lebend gesehen haben. Von den Deutschen im zweiten Weltkrieg gefürchtet waren die nächtlichen Kampfeinsätze der »Nachthexen«, einem sowjetischen Pilotinnenregiment, das von Marina Raskova, Major der Sowjetischen Luftwaffe, aufgebaut wurde.

Damit ist die Liste herausragender Pilotinnen aus dem »Goldenen Zeitalter der Fliegerei« noch lange nicht komplett. Zu nennen wären auch noch die Neuseeländerin Jean Balten, die mit ihrem Alleinflug von England nach Neuseeland einen Rekord aufstellte, der 44 Jahre Bestand hatte, oder die deutsche Elly Beinhorn, die nach einer Bruchlandung in Nordafrika einen 50 Kilometer langen Fußmarsch durch die Wüste überstehen musste. Eines hatten alle diese Pionierinnen der Luftfahrt gemein: Sie haben sich unbeirrt einen Traum verwirklicht, mutig einen neuen Bewegungsraum erobert und haben allen Skeptikern und Widersachern beweisen können, dass modernste Technik auch bei Frauen in sicheren Händen liegt. Immerhin gab es Mitte der dreißiger Jahre in Amerika circa 800 lizenzierte Pilotinnen.

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Literaturquellen

Cadogan, M. (1993). Women with wings: Female flyers in fact and fiction. Chicago, Illinois: Academy Chicago Publishers.

Butler, S. (2009). East to the dawn: The life of Amelia Earhart. Cambridge, MA: Da Capo Press.