Vision eines Autos

Ich hatte einen Traum. Eines Tages verloren wir Autos unsere Seele. Auch die Menschen veränderten sich. Sie waren meistens gereizt, ungeduldig, aggressiv oder einfach schlecht gelaunt. Aber am Schlimmsten war, dass sie uns nicht mehr achteten. Sie vernachlässigten und beschimpften uns, gingen lieblos mit uns um. In meinem Traum erfuhr ich die Erklärung, warum die Beziehung zwischen Mensch und Auto so empfindlich gestört war.

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Bild: Hardy Holte

Begonnen hatte alles an dem Tag, als mir von fremder Hand ein elektronisches Implantat eingesetzt wurde. Fortan bestimmte nicht mehr mein Herr über mich, sondern lautlose Signale, die von weitentfernten Stationen auf mich gefeuert wurden. Mein neuer Herr war eine Maschine, ein unbekanntes, gesichtsloses Ding weit oben im All, das bestimmt war, Herr über alle Autos in unserem Land zu sein. Sie hatten für uns eine neue Welt geschaffen, in der jede unserer Bewegungen beobachtet und manipuliert werden konnte. Sie bremsten uns ab, wenn wir schneller fuhren als erlaubt und wenn wir uns zu dicht an ein anderes Fahrzeug näherten. Ihre Macht war allgegenwärtig und unbegrenzt. Sie erlaubten unseren früheren Herren das Lenken. Sie erlaubten ihnen auch, Gas zu geben – ein bisschen und nur so viel, wie es auf einer Strecke zulässig war.
Man sagte, es wäre nun endlich gelungen, die krankhafte Liebe des Menschen zu uns Autos zu heilen, sozusagen als Nebenprodukt der großen Verkehrsreform. Der gläserne Autofahrer, der im Dienste der Sicherheit und eines gleichmäßigen Verkehrsflusses von den obersten Kontrolleuren dirigiert und reguliert wurde, hatte keinen Spaß mehr am Auto. Durch den neuen Chip brach zwischen uns und den früheren Herren der übersinnliche Draht ab, der unsere Seelen miteinander verbunden hatte.
In meinem Traum aber wollte sich der Mensch mit seinem Schicksal als Verkehrs-Marionette nicht abfinden. Einzelne begannen, sich von den unsichtbaren Fäden loszureißen. Sie manipulierten die Software ihrer Autos so, dass sie wieder frei über das Fahrzeug herrschen konnten. Als »outlaws« machten sie die Straßen unsicher, provozierten die »Gesteuerten« und ließen es darauf ankommen, sich mit den »Sheriffs« wilde Verfolgungsfahrten auszutragen. Von Tag zu Tag wurden es mehr, die sich der aufrührerischen Bewegung anschlössen. Die einen taten es aus Idealismus, denn sie forderten die Freiheit zurück, über ihre Mobilität selber entscheiden zu können; die anderen taten es aus Freude am Verbotenen. Der Kick dabei mobilisierte ihren Mut und ihre Aggression. Sie rammten die »dressierten Autos« oder spielten Katz und Maus mit ihren geschwindigkeitsamputierten Opfern.
Dann eines Tages gelang es einer kriminellen Organisation, dem Staat die Herrschaft über den Verkehr streitig zu machen. Sie besaßen ein Gerät, das so groß wie eine Fernbedienung war und Signale aussendete, die in die Steuerung anderer Fahrzeuge eingreifen konnten. Per Knopfdruck ließ sich so von außen ein fremdes Fahrzeug auf 0 km/h abbremsen oder auf 180 km/h beschleunigen. Mit dieser teuflischen Technik hielten sie Lastwagen an und plünderten sie aus. Personen wurden entführt und ausgeraubt, Autos gestohlen. Das Chaos war nicht mehr aufzuhalten.
Schließlich kam der Tag, an dem der Staat vor der Übermacht der Kriminellen kapitulierte. Das System wurde abgeschaltet. Über alle Medien wurde bekannt gegeben, wie und wo der Chip im Auto zu deaktivieren sei. Es war auch ein Tag, an dem die Seele wieder in uns zurückkehrte und der Mensch seinen Freund aus alten Tagen neu entdeckte.


Erstveröffentlichung der Kurzgeschichte im Jahr 2000