Das Beschleunigungs-Syndrom

Es ist modern geworden, über Beschleunigung und Zeit zu reden; denn wir leben in einer Epoche zunehmender Beschleunigung. Das atemberaubende Tempo, das uns tagtäglich auf Trab hält, um den Alltag zu bewältigen und konkurrenzfähig zu bleiben, lässt uns oft keine Zeit zum Verschnaufen. Ein Termin folgt auf den anderen, und selbst das Privatleben unterwirft sich oft einem strikten Zeitplan, der darauf ausgerichtet ist, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu erledigen.

Fast Traffic Light Trails

Bild: James Thew – Fotolia.com

Wie aber hat alles angefangen, das mit der Beschleunigung und einer auf Tempo und Effizienz ausgerichteten Lebensweise? Peter Borscheid stellt fest, dass im Mittelalter eine Verlangsamung vorherrscht, die bis weit in die Neuzeit hineinreicht. Das weit verzweigte, römische Straßennetz ist zu großen Teilen der Verwitterung und der Zerstörung anheim gefallen. Es werden Zollstationen errichtet, die den Verkehr zum Anhalten oder zu beschwerlichen und kostspieligen Umwegen zwingen. Damit aber nicht genug: Das so genannte Stapelrecht verpflichtet die durchziehenden Kaufleute, ihre Ware eine Zeit lang in der jeweiligen Stadt anzubieten. Auf diese Weise bremst das Profitinteresse der Ansässigen das Tempo der mobilen Kaufleute, die – anders als die Bauern – immer ein großes Interesse daran hatten, so schnell wie möglich voranzukommen. Es ist eine Zeit, in der noch die Natur den Lebensrhythmus der meisten Menschen diktiert: „Nicht die Uhrzeit läutet den Arbeitsbeginn ein, sondern das erste Tageslicht“, beschreibt Peter Borscheid die taktgebende Rolle der Natur [1].

Wie bei den Kriegsherren so schätzen auch die Kaufleute den Wert der Information und erkennen den Zusammenhang zwischen Informationsvorsprung und Beschleunigung. Je schneller der Transport von Informationen gelingt, umso wahrscheinlicher ist ihnen ein Wissensvorsprung, der sich in barer Münze auszahlen kann. Ende des fünfzehnten Jahrhunderts richten die Taxis berittene Botenstafetten ein, wodurch nicht mehr ein Einziger eine Nachricht ihrem Empfänger überbringt, sondern eine Kette von Boten, die fünf Meilen entfernt voneinander postiert sind. Diese revolutionäre Veränderung lässt die Beförderungszeiten auf ein Sechstel schrumpfen.

Die mechanischen Uhren im Spätmittelalter sind noch keine Taktgeber für ein beschleunigtes Leben. Sie dienen der Bevölkerung lediglich als Zeitgeber. Wiederum sind die Kaufleute die Ersten, die die Zeitmessung mit einer Uhr zum Zwecke der Zeitersparnis verwenden. Mit Hilfe von Uhrzeiten können Abläufe optimiert und beschleunigt werden, lassen sich viele Termine besser planen. Nicht nur beim Transport von Personen und Informationen erhöht sich allmählich das Tempo, auch in der frühindustriellen Produktion und beim Warentransport erhält das Prinzip „Beschleunigung“ Einzug. Im achtzehnten Jahrhundert führt die Erfindung der Spinnmaschine zu einer enormen Beschleunigung der Garnherstellung. Der Einsatz von Technik zur Temposteigerung setzt sich fort, wie zum Beispiel in der Druck- und Walztechnik oder bei der Entwicklung der Schraubenschneidemaschine. Längst ist erkannt worden: „Zeit ist Geld“.

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Neben neuen Technologien werden auch neue Organisationsmethoden zur Temposteigerung in der Produktion eingesetzt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht die Suche nach effizienter Zeitverwertung in der Produktion einen vorläufigen Höhepunkt. Der Taylorismus und Fordismus brechen über die Menschheit ein. Akribisch werden Zeit- und Bewegungsstudien durchgeführt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Der Arbeiter wird zu einem standardisierten Werkzeug geformt, das sich den Zeitabläufen der Produktion zu unterwerfen hat. In den Montagehallen Fords erreicht die Fließbandproduktion gigantische Ausmaße. Alle 40 Sekunden rollt ein fertiges Auto vom Band. Fords Methode findet Nachahmer in der ganzen Welt.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine hat sich eine neue Ära der Beschleunigung aufgetan. Die Eisenbahn gibt nun der Zeit ein neues, faszinierendes Tempo. Sie mobilisiert die Massen, zieht die Menschen wie magisch an und vermittelt ihnen die Schönheit und den Nutzen einer schnellen Fortbewegung.

Und dann wurde das Auto erfunden. Das Automobil verbreitet sich in den USA innerhalb von 30 Jahren zu einem Massentransportmittel. Seine Erfindung bedeutet nicht nur eine Erhöhung der Geschwindigkeit, sondern einen Gewinn an Freiheit, Unabhängigkeit, Status, Wettbewerbsfähigkeit und Spaß. Durch das Auto verändern sich allmählich Städte und Landschaften, Straßen werden gebaut, auf denen Autos noch schneller rollen können. Einkaufszentren, Krankenhäuser, Schulen oder Freizeitzentren werden dezentralisiert, weil sie durch das Auto erreichbar sind. Vororte entstehen und wachsen. Doch der moderne Verkehr hat auch einen hohen Preis. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zieht Bilanz: In 2013 starben weltweit etwa 1,24 Millionen Menschen an den Folgen eines Verkehrsunfalls [2].

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Bild: Henry Ford mit Modell T

Mit der Erfindung des Telefons, dem die Erfindung des Telegrafen voranging, trennen sich die Transportwege von Personen und Informationen immer mehr. Das vorläufige Ende eines solchen Auseinanderdriftens sind Fax, Internet, E-Mail, SMS. Dazwischen liegen noch der Rundfunk und das Fernsehen. Im Zuge der Beschleunigung veraltern Informationen immer schneller. Was heute noch als Headline die Gazetten ziert, kann morgen schon kalter Kaffee sein. Eine beschleunigte Kommunikation zum Beispiel via SMS erzeugt die Erwartung ihrer Nutzer, unmittelbar Antwort zu erhalten. Fehlende Reaktionen der Adressaten können auch leicht als Desinteresse, Gleichgültigkeit oder Ablehnung interpretiert werden. Schnelle Erreichbarkeit, überall und immer, schafft einen idealen Nährboden für soziale Kontrolle. Verdächtig, wer einen Handyanruf wegdrückt oder überhaupt nicht reagiert. In vielen Beziehungen hat sich diese moderne Form der Überwachung eingeschlichen.

Wir werden immer mehr mit den Folgen der Beschleunigung konfrontiert. Es hat sich vielfach als Illusion herausgestellt, dass ein beschleunigtes Lebenstempo Freiräume für Langsames schafft. Was wir durch ein höheres Tempo an Zeit gewinnen, das wird nicht selten wieder mit neuen, auf Beschleunigung ausgerichteten Aktivitäten gefüllt. Wie der Soziologe Manfred Garhammer herausstellt, habe die Modernisierung des sozialen Lebens eine Verdichtung des Alltags mit sich gebracht. Zwar besäßen die Menschen im Vergleich zu den Sechzigern im Schnitt eine Stunde mehr Freizeit, dafür aber stopften sie sie heute mit allerlei Aktivitäten voll. Die Folge: Es bleibe weniger Zeit fürs Essen, Schlafen und für die Muße [3]. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Studie von Markus Schläpfer (MIT, Cambridge) und seinen Kollegen. Eine Analyse von 440 Millionen Handy-Telefonaten in Portugal und 7,6 Milliarden Festnetztelefondaten in Großbritannien ergab, dass die Menschen in großen Städten sich ein breiteres Kontaktnetzwerk aufbauen als Menschen aus einer Kleinstadt. Und dieses Netzwerk der Großstädter wächst auch noch schneller als das der Kleinstädter [4].

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Bild: Netzwerk der Kommunikation von Hardy Holte

Allzu häufig schlägt sich eine temporeiche Lebensweise auf das Erleben von Zeitdruck und Zeitnot nieder. Und wer der Zeit chronisch hinterher spurtet, weil ein Terminplan dies so diktiert, der läuft Gefahr, irgendwann vom Stress und den Folgen dieses Stresses unschön ausgebremst zu werden: dann nämlich, wenn ein überlastetes Herz, ein überarbeitetes Gehirn oder ein erschöpfter, kranker Körper den Rastlosen zur Ruhe, zur Bewegungslosigkeit zwingt. Nicht selten sind Depressionen die Folge des großen Stresses. Zeitdruck erhöht die Beschleunigung, und Beschleunigung wiederum schlägt sich in einem erhöhten Zeitdruck nieder. Ein Teufelskreis entsteht, dem zu entrinnen immer schwieriger wird und der schnell ein Gefühl der Unfreiheit hevorrufen kann. Schnell sitzt man drin, in der Beschleunigungsfalle, und steurt mit hoher Drehzal einem Burn-out entgegen.

Auch wenn in gewissen Kreisen Zeitmangel zu einem Statussymbol avanciert ist, immer mehr Menschen sehnen sich inzwischen nach einer erträglicheren Gangart und starten das Abenteuer, die Langsamkeit für sich wieder zu entdecken. Doch Zeit ist für viele zu einem Luxusartikel geworden. Längst, so mahnen Experten, sei der Beschleunigungsvirus auch auf das Alltagsleben von Kindern und Schülern übergesprungen und habe in den jungen Wirten erhebliche Schlafstörungen, Kopfschmerzen und eine permanente Überforderung verursacht. Längst hat die Gesellschaft begriffen, dass sich zwar Maschinen und Produktionsabläufe beinahe grenzenlos beschleunigen lassen, nicht aber der Mensch, der diese Maschinen bedienen oder in ein beschleunigtes System einpassen muss, damit Beschleunigung Früchte trägt. Menschen machen Fehler, können überfordert oder unmotiviert sein, lassen sich ablenken oder schlafen vor Erschöpfung im Beschleunigungsprozess ein. Und dennoch tut sich die Gesellschaft schwer, das Lebenstempo auf ein erträglicheres Maß zu drosseln.

„Es gibt Diebe, die von den Gesetzen nicht bestraft werden und doch dem Menschen das Kostbarste stehlen: die Zeit.
(Napoleon Bonaparte)


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[1] Borscheid, P. (2004). Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung. Frankfurt, New York: Campus Verlag.

[2] World Health Organisation (2013). Global status report onroad safety 2013 Supporting a decade of action: http://www.who.int/violence_injury_prevention/road_safety_status/2013/report/en/

[3] Garhammer, M. (1999). Wie Europäer ihre Zeit nutzen. Zeitstrukturen und Zeitkulturen im Zeichen der Globalisierung. Berlin: Edition Sigma.

[4] Schläpfer, M., Bettencourt, L. M. A,  Grauwin, S., Raschke, M., Claxton, R., Smoreda, Z., West, G.B & Ratti, C (2014). The Scaling of Human Interactions with City Size. Journal of the Royal Society Interface 11, 20130789.