Ältere Fußgänger und Fußgängerinnen: So wie sie leben, so gehen sie

Für ältere Autofahrer und -fahrerinnen in Deutschland konnten in den Jahren 2000 und 2018 Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil, dem Mobilitätsverhalten sowie der Unfallgefährdung nachgewiesen werden. In einer neuen, noch nicht veröffentlichten Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wurden diese Zusammenhänge für Fußgänger und Fußgängerinnen untersucht. Danach unterscheiden sich die Lebensstilgruppen nicht im Ausmaß der Unfallgefährdung, wohl aber in ihren Erwartungen, Einstellungen und Gewohnheiten, die mit dem Zufußgehen verbunden sind.

Wie in den vorangegangenen Studien der BASt wurde der Lebensstil von Seniorinnen und Senioren über die bevorzugten Freizeitaktivitäten, die Filmvorlieben, die Wohnungseinrichtung sowie die persönlichen Werthaltungen definiert. Datengrundlage war eine Repräsentativbefragung von insgesamt 2.099 Personen im Alter ab 55 Jahren [1]. Insgesamt wurden sechs Lebensstilgruppen ermittelt - der Anregungen suchende Typ (13,4 %), der ablehnende Typ (21,9 %), der sozial engagierte Typ (13,4 %), der kritische Typ (16,6 %), der häusliche Typ 1 (16,2 %) und der häusliche Typ 2 (18,5 %). Die Charakterisierungen dieser Lebensstilgruppen erfolgten bereits in einem Blog-Beitrag „Ältere Autofahrer: So wie sie leben, so fahren sie“ und können durch den entsprechenden Link im nachfolgenden Text aufgerufen werden.

Foto von Hardy Holte

Der Anregungen suchende Typ


Charakteristisch ist der höchste Anteil von Personen, die einen Pkw-Führerschein besitzen (95 %) sowie der Anteil von Personen, die häufig mit dem Auto als Fahrer oder Fahrerin unterwegs sind. Dieser Typ äußert die stärkste Begeisterung für das Zufußgehen und schätzt die eigene Kompetenz für eine sichere Verkehrsteilnahme zu Fuß höher ein als Personen aus den anderen Lebensstilgruppen. Die Zufriedenheit mit der Regelung und Gestaltung des Verkehrsraums fällt in dieser Gruppe ebenfalls am höchsten aus. Er sieht im Zufußgehen sehr klar einen Beitrag zur Gesundheit und zur Umwelt und nimmt einen deutlichen Zuspruch für das Zufußgehen von Freunden und Bekannten wahr. Das Ziel, auch in Zukunft häufiger zu Fuß unterwegs zu sein, ist hier am stärksten vorhanden. Von allen Lebensstilgruppen am geringsten ausgeprägt ist die Angst, bei Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs zu sein, sowie die Wahrnehmung einer fehlenden Sicherheit und Rücksicht im Straßenverkehr. Deutlich am häufigsten wird das riskante oder regelwidrige Queren einer Straße in dieser Lebensstilgruppe berichtet. Die Beurteilung des Gesundheitszustandes fällt mit Abstand am positivsten aus.

Der ablehnende Typ


Ein hoher Anteil von Pkw-Führerscheinbesitzern und -besitzerinnen (89,1 %) und ein weniger häufiges Zufußgehen ist typisch für diese Lebensstilgruppe. Gering ausgeprägt sind die Begeisterung für das Zufußgehen, der wahrgenommene Zuspruch für das Zufußgehen von Freunden oder Bekannten, die Angst, bei Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs zu sein, die Wahrnehmung einer fehlenden Sicherheit und Rücksicht im Straßenverkehr sowie das Vorhandensein eines schlechten Gewissens, wenn eine Person zu wenig zu Fuß unterwegs ist. Am schwächsten ausgeprägt ist die Überzeugung, dass das Zufußgehen zur Gesundheit und zur Umwelt beiträgt, sowie die Zufriedenheit mit der Regelung und Gestaltung des Verkehrsraums. Dieser Typ gibt am zweithäufigsten an, riskant oder regelwidrig eine Straße zu queren, und am häufigsten das Zufußgehen unter Alkoholeinfluss. Der ablehnende Typ weist lediglich tendenziell eine geringere Unfallbeteiligung als Zufußgehender auf (2,1 %) als die übrigen Lebensstilgruppen.

Der sozial engagierte Typ


Auch in dieser Lebensstilgruppe findet sich ein hoher Anteil an Personen, die einen Pkw-Führerschein besitzen (92,2 %). Gleichzeitig aber auch besteht dort der größte Anteil an Personen, die häufiger zu Fuß unterwegs sind. Die Begeisterung für das Zufußgehen ist stark ausgeprägt, ebenso die Wahrnehmung der fehlenden Sicherheit und Rücksicht im Straßenverkehr sowie die Erwartung, die erforderlichen Kompetenzen für ein sicheres Zufußgehen zu besitzen. Auch in Zukunft besteht in dieser Gruppe das Ziel, häufiger Fußwege zu unternehmen. Typisch ist auch der am stärksten wahrgenommene Zuspruch für das Zufußgehen von Freunden oder Bekannten, das Vorhandensein eines schlechten Gewissens bei zu wenigen Fußwegen, sowie die Einstellung, dass das Zufußgehen zur Gesundheit und zum Umweltschutz beiträgt. Der sozial engagierte Typ ist zusammen mit dem kritischen Typ am häufigsten mit dem Fahrrad unterwegs.

Der kritische Typ


Für diese Lebensstilgruppe besteht ebenfalls ein hoher Anteil an Besitzern bzw. Besitzerinnen eines Pkw-Führerscheins (92 %). Dieser Typ ist insgesamt am zweithäufigsten von allen Lebensstilgruppen zu Fuß unterwegs und zusammen mit dem sozial engagierten Typ am häufigsten auch mit dem Fahrrad. Die Begeisterung für das Zufußgehen ist stark ausgeprägt, ebenso das Vorhandensein eines schlechten Gewissens, das sich zeigt, wenn eine Person zu wenig zu Fuß unterwegs ist. Gleiches trifft auch auf die Einstellung zu, dass das Zufußgehen einen Beitrag zur eigenen Gesundheit und zur Umwelt leistet, sowie auf die Erwartung, dass die erforderlichen Kompetenzen für ein sicheres Zufußgehen vorhanden sind. Die Angst, bei Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs zu sein, ist in dieser Grupp gering ausgeprägt.

 

Der häusliche Typ 1


Dieser Typ verbringt viel Zeit zu Hause. Mit seiner Gesundheit ist er häufig nicht zufrieden. Hörgerätträger und Nutzer eines Rollators sind hier am häufigsten anzutreffen. Typisch ist der geringste Anteil an Pkw-Führerscheinbesitzern und –besitzerinnen (70,5 %) und die anteilig wenigsten Personen, die entweder Auto fahren, Zufußgehen oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Es besteht die deutlich geringste Begeisterung für das Zufußgehen. Gering ausgeprägt sind auch das Vorhandensein eines schlechten Gewissens bei zu wenigem Zufußgehen sowie die Überzeugung, dass das Zufußgehen einen Beitrag zur Gesundheit und zur Umwelt leistet. Dagegen ist die Angst, bei Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs zu sein, am stärksten ausgeprägt, ebenso die Wahrnehmung fehlender Sicherheit und Rücksicht im Straßenverkehr. Charakteristisch sind außerdem die geringste Einschätzung der für das Zufußgehen erforderlichen Kompetenzen, die negativste Beurteilung des Verhaltens von Autofahrenden und Radfahrenden gegenüber Zufußgehenden, das am geringsten ausgeprägte riskante oder regelwidrige Queren einer Straße und das am häufigsten vorkommende Zufußgehen unter Medikamenteneinfluss. In dieser Gruppe besteht am wenigsten das Ziel, zukünftig häufiger zu Fuß unterwegs zu sein. Der häusliche Typ 1 weist lediglich tendenziell eine höhere Unfallbeteiligung als Zufußgehender auf (4,9 %) als die übrigen Lebensstilgruppen.

Der häusliche Typ 2


Dieser Typ ist nicht viel unterwegs, führt eher ein ruhiges Leben. Allerdings ist er mobiler und fitter als der häusliche Typ 1. Typisch ist ein vergleichsweise geringer Anteil an Besitzern und Besitzerinnen eines Pkw-Führerscheins (79,2 %) und an Personen, die weniger häufig entweder zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die Begeisterung für das Zufußgehen ist schwach ausgeprägt. Weitere Charakteristika sind: eine stärkere Ausprägung der Angst, bei Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs zu sein, eine geringe Einschätzung der für das sichere Zufußgehen erforderlichen Kompetenzen, das am zweitgeringsten ausgeprägte riskante oder regelwidrige Queren einer Straße und das am zweithäufigsten Vorkommen des Zufußgehens unter Medikamenteneinfluss.

Quelle: Holte (im Druck). Beim Merkmal „Berichtetes Fußgängerverhalten“ handelt es sich um einen Summenwert, der aus den Werten der drei Aussagen „Es gehört zu meiner Lebensweise, viele Wege zu Fuß zu gehen.“, „Ich gehe auch gelegentlich längere Strecken zu Fuß.“ und „Ich bin häufiger zu Fuß unterwegs.“ gebildet wurde. Für jede dieser Aussagen konnten die Befragten zwischen 1 „trifft überhaupt nicht zu“ und 4 „trifft voll und ganz zu“ wählen. Die Messung des Merkmals „Häufigkeit des Zufußgehens“ erfolgte über eine allgemeine Angabe der Befragten zwischen „nie“ und „täglich“. Je höher der im Bild dargestellte z-Wert für ein Merkmal, umso stärker ist dieses ausgeprägt.

Resümee

In der vorliegenden Befragungsstudie konnten die sechs Lebensstilgruppen der SENIORLIFE-Studie aus dem Jahr 2018 repliziert werden. Sie lassen sich eindeutig durch zahlreiche verkehrsbezogene oder nicht-verkehrsbezogene Merkmale beschreiben. Anders als in der SENIORLIFE-Studie lassen sich in der vorliegenden SENIORWALK-Studie im Hinblick auf die Unfallbeteiligung als Fußgänger und Fußgängerinnen jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Lebensstilgruppen feststellen. Auf die Gesamtgruppe der Befragten bezogen, berichtet etwa jeder Fünfte von einem Beinaheunfall und lediglich 2,6 % von einer tatsächlichen Unfallbeteiligung (in den vergangenen drei Jahren). Dagegen lag mit Bezug auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes der Anteil der Fußgänger bzw. Fußgängerinnen in der Bevölkerungsgruppe der ab 55-Jährigen, die in den Jahren 2017, 2018 und 2019 an einem Unfall mit Personenschaden beteiligt waren, jeweils unter 0,04 %. Das heißt, dass die berichtete Unfallbeteiligung in der vorliegenden repräsentativen Befragungsstudie um ein Vielfaches größer ist als in den Daten der amtlichen Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes dokumentiert. Es ist bei Fußgängerunfällen von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Der BASt-Forschungsbericht, der diesem Beitrag zugrunde liegt, enthält neben der detaillierten Beschreibung von Lebensstilen, die Auswertung der amtlichen Unfallstatistik zu Fußgängerunfällen, umfangreiche deskriptive Befragungsergebnisse zu Einstellungen, Erwartungen, Erfahrungen und Gewohnheiten von Fußgängern und Fußgängerinnen sowie die Ergebnisse verschiedener Modelltests, in denen bestimmte Einflussfaktoren auf das Fußgängerverhalten untersucht wurden.

Literatur

[1] Holte, H. (2021). Ältere Fußgänger - Voraussetzungen einer problemfreien und sicheren Verkehrsteilnahme aus psychologischer Sicht. Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Heft M 314. Bremen: Fachverlag NW in der Carl Schünemann Verlag GmbH.